Über Leistung, Perfektion und das Ankommen bei uns selbst
„Muss denn immer alles perfekt sein?“
Ein Satz, der eigentlich ganz harmlos klingt. Und der bei mir trotzdem hängen geblieben ist.
Auslöser war meine neue Landingpage. Sie ist gerade eine Art Vorreiter für meine zukünftige Homepage. Ich wollte endlich mit meinen Inhalten an den Start gehen, meinen Newsletter aufsetzen und Menschen die Möglichkeit geben, sich dafür anzumelden.
Die große Homepage darf später kommen.
Und trotzdem ertappte ich mich ziemlich schnell bei dem Gedanken: Die Landingpage ist noch nicht so perfekt, wie die richtige Homepage irgendwann sein soll.
Darauf kam die Frage:
Muss sie das denn sein?
Nein.
Eigentlich muss sie gerade nur ihren Zweck erfüllen.
Und vielleicht ist genau das eine meiner persönlichen Entwicklungsaufgaben: Dinge entstehen zu lassen, ohne vorher schon zu wissen, wie die perfekte Version davon aussehen wird.
Ich weiß zum Beispiel noch gar nicht, ob ein Newsletter langfristig mein Format sein wird. Ob ich Freude daran habe. Ob er zu mir und meiner Arbeit passt. Und ob ich ihn in einem Jahr immer noch schreibe.
Aber muss ich das heute überhaupt wissen?
Vielleicht darf ich es einfach ausprobieren.
Woher kommt eigentlich dieser Anspruch?
Diese kleine Situation hat bei mir eine viel größere Frage ausgelöst:
Wo in meinem Leben glaube ich eigentlich überall, etwas leisten oder beweisen zu müssen?
Im Unternehmen? Als Führungskraft? Als Mutter? Mit meinem Körper und meinem Aussehen? In meiner persönlichen Entwicklung?
Ich bin jemand, der sich gerne reflektiert. Ich frage mich schnell: Was kann ich daraus lernen? Wo kann ich besser werden? Was könnte ich verändern?
Das ist eine Stärke und hat mich sicherlich auch an viele Punkte in meinem Leben gebracht, auf die ich heute stolz bin.
Aber jede Stärke hat auch eine andere Seite.
Denn aus persönlicher Weiterentwicklung kann irgendwann permanente Selbstoptimierung werden.
Und dann richtet sich unser Blick nicht mehr auf das, was bereits gut ist, sondern fast automatisch auf das, was noch fehlt.
Wann sind wir eigentlich gut genug?
Gerade wir Frauen tragen häufig ziemlich viele Rollen gleichzeitig.
Wir wollen gute Mütter sein. Erfolgreich im Beruf. Eine liebevolle Partnerin. Eine verlässliche Freundin. Fit, gesund und attraktiv. Ausgeglichen. Selbstbewusst. Organisiert. Und natürlich möglichst entspannt dabei.
Aber wann haben wir eigentlich genug davon erreicht?
Wann bin ich eine gute Mutter?
Wenn ich immer geduldig bin? Genug Zeit habe? Meine Kinder fördere, ihnen Freiraum gebe, gesund koche, den Alltag organisiere und trotzdem noch entspannt am Abendbrottisch sitze?
Wann ist mein Körper gut genug?
Wenn er trainiert ist? Schlank? Straff?
Oder darf ein Körper auch zeigen, dass er gelebt hat?
Dass er Kinder bekommen hat. Dass Jahre vergangen sind. Dass er sich verändert hat.
Und wann bin ich beruflich erfolgreich genug?
Beim nächsten Umsatzziel? Beim nächsten Projekt? Wenn mein Unternehmen noch besser aufgestellt ist? Wenn die neue Homepage fertig ist? Wenn noch mehr Menschen meine Arbeit kennen?
Das Verrückte daran ist:
Die Ziellinie verschiebt sich ständig mit.
Was gestern noch ein großes Ziel war, ist heute selbstverständlich.
Und schon suchen wir nach dem nächsten Punkt, den wir erreichen, verbessern oder optimieren könnten.
Vielleicht geht es gar nicht um Perfektion
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich:
Vielleicht geht es gar nicht wirklich darum, perfekt zu sein.
Vielleicht geht es um das, was wir uns davon versprechen.
Wenn ich erfolgreich genug bin, fühle ich mich sicher.
Wenn mein Körper so aussieht, wie ich ihn gerne hätte, fühle ich mich attraktiv.
Wenn ich als Mutter alles richtig mache, habe ich nicht versagt.
Wenn mein Unternehmen wächst und meine Arbeit gesehen wird, bin ich erfolgreich.
Wenn ich mich noch ein bisschen weiterentwickle, bin ich irgendwann angekommen.
Aber wo ist eigentlich dieses „irgendwann“?
Und vor allem:
Vor wem möchte ich eigentlich noch etwas beweisen?
Diese Frage beschäftigt mich gerade sehr.
Denn wenn mein Gefühl von „Ich bin genug“ davon abhängig ist, was ich leiste, wie ich aussehe, was ich besitze oder wie andere Menschen mich wahrnehmen, brauche ich zwangsläufig immer wieder die nächste Bestätigung.
Das Außen verändert sich schließlich ständig.
Der Körper verändert sich.
Erfolg verändert sich.
Unternehmen verändern sich.
Beziehungen verändern sich.
Menschen kommen und gehen.
Und auch die Meinung anderer über uns können wir nur sehr begrenzt beeinflussen.
Vielleicht suchen wir deshalb manchmal etwas im Außen, das wir dort niemals dauerhaft finden können.
Was passiert, wenn wir anfangen, im Innen zu suchen?
In den letzten Tagen habe ich mich mit verschiedenen Texten und Gedanken beschäftigt, die mich immer wieder auf einen ähnlichen Punkt gebracht haben:
Was brauche ich eigentlich wirklich, um zufrieden zu sein?
Und vielleicht noch wichtiger:
Wer bin ich, wenn gerade niemand applaudiert?
Wenn niemand meine Leistung bewertet.
Wenn keine Zahl meinen Erfolg bestätigt.
Wenn ich niemandem etwas beweisen muss.
Wenn ich einfach nur ich bin.
Vielleicht beginnt persönliche Entwicklung irgendwann genau an diesem Punkt.
Nicht mehr ausschließlich mit der Frage:
Was kann ich noch verbessern?
Sondern auch mit:
Was darf endlich einfach sein?
Das bedeutet für mich nicht, keine Ziele mehr zu haben.
Ganz im Gegenteil.
Ich möchte weiter lernen, wachsen, Unternehmen entwickeln, Menschen begleiten, Sport machen, mich um meinen Körper kümmern und eine gute Mutter sein.
Aber vielleicht darf sich die Motivation dahinter verändern.
Nicht:
Ich muss besser werden, damit ich gut genug bin.
Sondern:
Ich bin genug – und darf mich trotzdem weiterentwickeln.
Das fühlt sich für mich nach einem ziemlich großen Unterschied an.
Warum können wir andere lieben – aber mit uns selbst so streng sein?
Und dann kam mir noch ein Gedanke.
Schauen wir einmal auf die Menschen, die wir wirklich lieben.
Lieben wir unsere Kinder, weil sie perfekt sind?
Unsere Partner*innen, weil sie keine Macken haben?
Unsere Freund*innen oder unsere Familie, weil sie immer alles richtig machen, immer gut aussehen, niemals schlechte Laune haben und uns nie auf die Nerven gehen?
Natürlich nicht.
Manchmal lieben wir Menschen sogar gerade für ihre kleinen Eigenheiten.
Für ihre Ecken und Kanten.
Für Dinge, über die wir gemeinsam lachen.
Für bestimmte Macken, bei denen wir vielleicht die Augen verdrehen und die uns trotzdem fehlen würden, wenn sie plötzlich nicht mehr da wären.
Wir gestehen den Menschen, die wir lieben, zu, Menschen zu sein.
Warum fällt es uns dann manchmal so schwer, uns selbst genau das Gleiche zuzugestehen?
Diese Frage finde ich gerade ziemlich spannend.
Was wäre, wenn ich mit mir selbst so umgehen würde wie mit einem Menschen, den ich wirklich liebe?
Würde ich dann genauso streng mit mir sprechen?
Würde ich ständig danach suchen, was noch nicht gut genug ist?
Würde ich jeden Fehler analysieren?
Oder würde ich vielleicht manchmal sagen:
Das war nicht perfekt.
Aber es war gut.
Das Unperfekte aushalten
Vielleicht ist genau das meine aktuelle Challenge.
Eine Landingpage online zu stellen, obwohl irgendwann eine bessere Homepage kommen wird.
Einen Newsletter zu starten, obwohl ich noch nicht weiß, ob daraus eine langfristige Geschichte wird.
Nicht jede Rolle perfekt zu erfüllen.
Meinen Körper nicht ausschließlich danach zu betrachten, was ich noch verändern könnte, sondern auch danach, was er bereits geleistet hat.
Nicht aus jedem Fehler sofort das nächste persönliche Entwicklungsprojekt zu machen.
Und vielleicht auch einmal etwas stehen zu lassen, obwohl ich weiß:
Da könnte ich noch etwas optimieren.
Für jemanden, der gerne Verantwortung übernimmt, Lösungen sucht und sich selbst viel reflektiert, ist das gar nicht so einfach.
Aber vielleicht liegt genau darin gerade meine Entwicklung.
Vielleicht ist „genug“ kein Stillstand
Lange habe ich Entwicklung vor allem damit verbunden, weiterzugehen.
Mehr zu lernen.
Mich zu hinterfragen.
Dinge zu verändern.
Ziele zu erreichen.
Heute glaube ich zunehmend, dass Entwicklung manchmal auch etwas ganz anderes bedeuten kann.
Stehen zu bleiben.
Wahrzunehmen, was bereits da ist.
Und sagen zu können:
Das habe ich gut gemacht.
Das darf so sein.
Ich darf Fehler machen.
Mein Körper darf Spuren meines Lebens tragen.
Ich darf als Mutter Situationen haben, in denen ich nicht perfekt reagiere.
Ich muss als Führungskraft nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben.
Ein Projekt darf unfertig starten.
Und ich muss nicht jeden Bereich meines Lebens gleichzeitig optimieren.
Vielleicht bedeutet „genug“ deshalb gar nicht, dass wir unsere Ansprüche verlieren.
Vielleicht bedeutet es, unseren eigenen Wert nicht mehr davon abhängig zu machen.
Ich kann ambitioniert sein und trotzdem zufrieden.
Ich kann mich verändern wollen und mich gleichzeitig heute annehmen.
Ich kann Ziele haben, ohne mein Leben auf den Moment zu verschieben, an dem ich sie erreicht habe.
Ich kann weitergehen, ohne ständig vor mir selbst wegzulaufen.
Und vielleicht ist genau das für mich gerade eine ganz neue Form von persönlicher Entwicklung:
Nicht immer noch mehr werden zu müssen. Sondern immer mehr bei mir selbst anzukommen.
Meine Landingpage ist übrigens immer noch nicht perfekt.
Aber sie ist online.
Und vielleicht ist sie gerade deshalb ein ziemlich gutes Symbol für das, was ich lernen möchte:
Nicht alles muss perfekt sein, um wertvoll zu sein.
Und vielleicht gilt das nicht nur für eine Landingpage.
Vielleicht gilt das auch für uns.
