
WAS ICH AUS TANSANIA MITNEHME – ÜBER LEBENSFREUDE, HALTUNG UND ECHTE BEGEGNUNG
Manche Reisen sind einfach schön. Und manche machen etwas mit einem, weil man mit Gedanken nach Hause kommt, mit denen man vorher überhaupt nicht gerechnet hat. Tansania war für mich genau so eine Reise.
Ich bin ohne riesengroße Erwartungen dorthin geflogen. Ich wollte das Land kennenlernen, unsere Patenkinder treffen und mit meinen Jungs eine besondere Zeit erleben. Natürlich haben mich die Landschaft, diese unglaubliche Weite, die Farben und die Tiere beeindruckt. Aber wenn ich heute darüber nachdenke, was wirklich bei mir geblieben ist, dann sind es vor allem die Menschen. Ihre Herzlichkeit, ihre Lebensfreude, ihre Gastfreundschaft und diese Selbstverständlichkeit, miteinander zu sein.
Und irgendwann habe ich mich gefragt: Was ist bei uns eigentlich so kompliziert geworden?
Wir haben verdammt viel – und merken es manchmal kaum noch
Ich möchte Tansania überhaupt nicht romantisieren. Natürlich gibt es dort Armut, eingeschränkte Bildungschancen, eine medizinische Versorgung, die mit unserer nicht vergleichbar ist, und Lebensbedingungen, die wir uns für uns und unsere Kinder ganz sicher nicht wünschen würden.
Und trotzdem hat mich dieser Kontrast beschäftigt.
Wir leben hier mit einer Sicherheit und einem Komfort, der für viele Menschen auf dieser Welt alles andere als selbstverständlich ist. Wir haben Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, volle Supermärkte, warme Wohnungen, Mobilität und Möglichkeiten ohne Ende. Und gleichzeitig sind wir erstaunlich gut darin, uns aufzuregen, wenn der Termin nicht passt, wir irgendwo warten müssen, die Kolleg*in nervt oder im Alltag etwas nicht so läuft, wie wir es geplant haben.
Ganz ehrlich: Manchmal klagen wir schon auf einem ziemlich hohen Niveau.
Damit möchte ich überhaupt nicht sagen, dass Menschen nicht erschöpft sein dürfen oder dass Sorgen und Belastungen nicht ernst genommen werden sollten. Im Gegenteil. Ich halte es für wichtig, Gefühle wahrzunehmen und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Aber das eine schließt das andere doch nicht aus. Vielleicht dürfen wir uns trotzdem zwischendurch fragen: Worüber rege ich mich hier eigentlich gerade auf – und was funktioniert in meinem Leben gleichzeitig ziemlich gut?
Denn genau das habe ich aus Tansania mitgenommen: Wir gewöhnen uns wahnsinnig schnell an gute Dinge. Irgendwann wird aus etwas Besonderem etwas Selbstverständliches und aus dem Selbstverständlichen entsteht schnell ein Anspruch. Und wenn dieser Anspruch einmal nicht erfüllt wird, sind wir unzufrieden.
Da darf ich mich übrigens genauso an die eigene Nase fassen.
Muss wirklich immer noch etwas optimiert werden?
Ich liebe Entwicklung. Ich liebe neue Ideen, Projekte und die Möglichkeit, Dinge besser zu machen. Wer mich kennt, weiß: Stillstand ist jetzt nicht unbedingt mein größtes Hobby.
Aber vielleicht liegt genau darin manchmal auch eine Gefahr. Kaum ist ein Projekt abgeschlossen, taucht das nächste auf. Kaum ist ein Ziel erreicht, steht schon das nächste auf der Liste. Noch effizienter, noch erfolgreicher, noch besser organisiert – und irgendwann wundern wir uns, warum wir eigentlich so erschöpft sind.
Vielleicht liegt es daran, dass wir versuchen, eine Ziellinie zu erreichen, die wir selbst permanent weiter nach hinten verschieben.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, ist das schon ein bisschen verrückt.
Ich möchte auch weiterhin ambitioniert sein. Ich möchte gestalten, wachsen, Neues entwickeln und Verantwortung übernehmen. Das gehört zu mir. Aber ich möchte mir häufiger die Frage stellen: Wie geht es mir eigentlich, während ich all diese Ziele erreiche?
Bin ich noch präsent? Habe ich Freude an dem, was ich gerade tue? Oder bin ich gedanklich schon wieder beim nächsten Punkt, obwohl das jetzige Ziel eigentlich gerade erst erreicht ist?
Vielleicht muss nicht aus jeder Idee sofort ein Projekt werden. Vielleicht muss nicht jeder freie Moment sinnvoll genutzt werden. Und vielleicht muss auch nicht jeder Bereich unseres Lebens ständig optimiert werden.
Manches darf tatsächlich einfach gut sein.
Gemeinschaft ist keine Schwäche
Ein weiterer Gedanke, der mich seit Tansania beschäftigt, ist das Thema Gemeinschaft. Bei uns wird viel über Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und persönliche Entwicklung gesprochen. Ich halte all das für wichtig. Gleichzeitig frage ich mich manchmal, ob daraus nicht eine ziemlich anstrengende Botschaft entstanden ist: Du musst alles alleine schaffen.
Nein. Musst Du nicht.
Menschen brauchen Menschen. Wir brauchen Unterstützung, Verbindung und manchmal jemanden, der einfach sagt: „Komm, ich helfe Dir.“ Und genauso brauchen wir die Fähigkeit, diese Hilfe auch anzunehmen.
Das gilt im Privatleben genauso wie in Unternehmen. Ein gutes Team entsteht für mich nämlich nicht dadurch, dass jede*r möglichst perfekt für sich funktioniert. Es entsteht, wenn Menschen miteinander funktionieren, Verantwortung übernehmen, sich gegenseitig unterstützen und auch mal mitdenken, obwohl etwas vielleicht nicht exakt in der eigenen Stellenbeschreibung steht.
Und genau da sind wir ziemlich schnell beim Thema Führung.
Viele Führungskräfte wünschen sich selbstständige Mitarbeiter*innen und gleichzeitig fällt es ihnen unglaublich schwer, wirklich Verantwortung abzugeben. Da heißt es dann: „Du darfst entscheiden“ – und wenn die Entscheidung anders ausfällt als die eigene, steigt innerlich schon der Puls.
So wird Führung natürlich anstrengend. Für alle.
Gute Führung bedeutet für mich nicht, alles selbst im Griff zu haben. Sie bedeutet auch, Menschen etwas zuzutrauen und manchmal ganz bewusst zu sagen: Jetzt mach Du mal. Ich glaube, Du kannst das.
Guter Service steht in keinem Handbuch
Eine Woche lang wurden wir von den Maasai begleitet und auch unsere Lodge wurde von ihnen geführt. Ich habe selten ein Team erlebt, das so selbstverständlich aufmerksam, herzlich und serviceorientiert war. Morgens standen heiße Getränke und Gebäck auf unserer Terrasse, abends lagen Wärmflaschen in unseren Betten und Wünsche wurden teilweise wahrgenommen, bevor wir sie überhaupt ausgesprochen hatten.
Das Entscheidende war für mich aber gar nicht die einzelne Leistung. Es war die Haltung dahinter.
Es fühlte sich nicht an wie: „Mein Arbeitgeber verlangt das von mir.“
Sondern eher wie: „So begegnen wir Menschen.“
Und genau das hat mich beeindruckt.
Ich liebe guten Service und ich liebe gleichzeitig Strukturen. Ja, ich weiß – Qualitätsmanagement klingt jetzt nicht unbedingt nach dem aufregendsten Thema der Welt. Aber gerade im Gesundheitswesen halte ich klare Prozesse, Standards und Zuständigkeiten für unverzichtbar. Sie sorgen dafür, dass Qualität nicht davon abhängt, wer gerade Dienst hat.
Trotzdem macht die beste Prozessbeschreibung der Welt noch keinen guten Service.
Ich kann hundertmal aufschreiben, dass Mitarbeiter*innen freundlich sein sollen. Wenn Freundlichkeit nicht zur Haltung gehört, habe ich am Ende vielleicht ein sehr professionell dokumentiertes „Guten Morgen“ – aber noch lange keine echte Herzlichkeit.
Aufmerksamkeit kann ich nicht abhaken. Echtes Interesse am Menschen auch nicht.
Unternehmenskultur zeigt sich nicht auf der Homepage
Wir schreiben heute überall Werte hin: Vertrauen, Respekt, Wertschätzung, Verantwortung, Teamgeist. Klingt hervorragend.
Die interessantere Frage ist doch: Merkt man davon montagmorgens um 8:15 Uhr auch noch etwas?
Wenn es stressig wird. Wenn jemand einen Fehler macht. Wenn eine Mitarbeiter*in anderer Meinung ist. Wenn ein*e Patient*in anstrengend ist oder die Führungskraft selbst gerade einen schlechten Tag hat.
Genau dort zeigt sich Unternehmenskultur.
Nicht auf der Website. Nicht auf einem hübschen Poster im Aufenthaltsraum. Sondern im täglichen Miteinander.
Und deshalb gehört für mich zu guter Führung auch mehr als Verständnis und Empathie. Beides ist enorm wichtig. Aber empathisch zu führen bedeutet für mich nicht, Menschen ständig in Watte zu packen. Manchmal bedeutet Führung auch, jemanden freundlich, aber sehr klar herauszufordern.
Zu sagen: Komm, jetzt mach Dich nicht kleiner, als Du bist.
Zeig, was Du kannst.
Übernimm Verantwortung.
Ich traue Dir das zu.
Für mich ist das ebenfalls Wertschätzung. Denn wenn ich einem Menschen wirklich etwas zutraue, darf ich ihn auch fordern.
Vielleicht brauchen wir manchmal einfach wieder etwas mehr Perspektive
Was ich aus Tansania mitgebracht habe, ist keine romantische Vorstellung davon, dass dort alles besser wäre. Das ist es nicht.
Aber die Reise hat meinen Blick wieder ein Stück zurechtgerückt.
Auf das, was wir haben. Auf unsere Probleme. Auf unseren Anspruch an uns selbst. Und auch auf die Frage, was Erfolg für mich eigentlich bedeutet.
Natürlich möchte ich etwas erreichen. Ich möchte gestalten, entwickeln, wachsen und Dinge bewegen. Aber Erfolg bedeutet für mich eben nicht nur: Was habe ich geschafft?
Sondern auch: Wie habe ich gelebt, während ich es geschafft habe?
Wie bin ich mit Menschen umgegangen? Wie habe ich geführt? Wie habe ich mich selbst geführt? Habe ich mich permanent erschöpft durch das nächste Projekt geschoben oder konnte ich zwischendurch auch einmal stehen bleiben und denken:
Verdammt. Das hier ist gerade richtig gut.
Ich möchte mir nicht vor lauter Entwicklung irgendwann mein eigenes Leben wegoptimieren.
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht ständig noch mehr lernen, noch mehr leisten oder noch mehr erreichen. Vielleicht brauchen wir manchmal einfach einen klareren Blick auf das, was längst da ist.
Mehr Dankbarkeit. Mehr Gemeinschaft. Mehr echte Begegnung. Mehr Mut, Verantwortung abzugeben und anderen etwas zuzutrauen.
Und ja – vielleicht manchmal auch ein bisschen weniger Jammern.
Nicht, weil immer alles gut ist.
Sondern weil eben auch längst nicht alles schlecht ist.
