Selbstführung – Anika Joswiak

WARUM IST SELBSTFÜHRUNG EIGENTLICH SO SCHWER?

October 22, 2026

„Ich habe keine Zeit für Sport.“

„Ich würde ja gerne meditieren, aber wann soll ich das noch machen?“

„Für mich selbst bleibt im Moment einfach keine Zeit.“

Diese Sätze höre ich ständig. Von Führungskräften, Unternehmer*innen, Mitarbeiter*innen – und genauso im privaten Umfeld.

Und jedes Mal denke ich: Haben wir wirklich keine Zeit? Oder setzen wir unsere Prioritäten gerade einfach anders?

Das ist ein Unterschied.

Da, wo ich bin, da will ich sein

Von Jens Corssen stammt ein Satz, den ich sehr mag:

„Da, wo ich bin, da will ich sein.“

Dieser Gedanke hat für mich sehr viel mit Selbstführung zu tun.

Auch ich habe Phasen erlebt, in denen ich unglaublich viel gearbeitet habe. Und manchmal arbeite ich auch heute noch sehr viel. Aber dann möchte ich das in diesem Moment.

Vielleicht, weil mir meine Arbeit Freude macht. Weil ich etwas aufbauen oder erreichen möchte. Weil mich eine Idee begeistert.

Es lohnt sich aber auch, genauer hinzuschauen:

Arbeite ich wirklich so viel, weil ich es möchte? Oder weil ich glaube, ohne mich funktioniert es nicht? Weil ich Anerkennung suche? Weil Ruhe unangenehm ist? Weil ich das Gefühl habe, ständig etwas leisten zu müssen?

Selbstführung beginnt für mich genau an dieser Stelle: ehrlich mit sich selbst zu werden.

„Keine Zeit“ ist manchmal eine ziemlich bequeme Erklärung

Das klingt vielleicht provokant.

Aber wenn ich abends auf der Couch sitze, obwohl ich eigentlich noch eine Runde spazieren gehen wollte, dann habe ich nicht automatisch „keine Zeit“ für Bewegung.

Ich habe mich in diesem Moment für die Couch entschieden.

Und auch das darf sein.

Der entscheidende Punkt ist, dass ich Verantwortung für diese Entscheidung übernehme.

Ich kann mich für die Couch entscheiden. Für Social Media. Für Nachrichten. Für eine weitere Stunde Arbeit.

Oder für Bewegung. Für mein Journal. Für ein gutes Buch. Für Ruhe. Für Meditation. Für ein gutes Gespräch. Für gemeinsames Kochen. Für Dinge, die mir Energie geben, meine Gesundheit stärken oder meine Gedanken weiterbringen.

Selbstführung bedeutet nicht, immer die vermeintlich perfekte Entscheidung zu treffen.

Selbstführung bedeutet, bewusst zu entscheiden, statt sich selbst zu erzählen, man hätte keine Wahl.

Selbstführung hat für mich ganz viel mit Identität zu tun

Und hier kommt für mich ein Punkt ins Spiel, über den wir viel zu selten sprechen:

Wer möchte ich eigentlich sein?

Wie sehe ich mich selbst?

Möchte ich eine gesunde, sportliche und dynamische Frau sein?

Möchte ich eine Frau sein, die sich weiterentwickelt, liest, lernt, reflektiert und offen für neue Gedanken bleibt?

Möchte ich meine Projekte mit Energie und Begeisterung gestalten?

Oder erzähle ich mir selbst jeden Tag, dass für all das gerade keine Zeit ist?

Unsere Identität zeigt sich nicht nur in dem, was wir über uns denken oder sagen. Sie zeigt sich auch in unseren täglichen Entscheidungen.

Wenn ich mich als sportlichen Menschen sehe, gehört Bewegung zu meinem Leben.

Wenn mir persönliche Entwicklung wichtig ist, nehme ich mir Zeit zum Lesen, Lernen und Reflektieren.

Wenn Gesundheit für mich ein Wert ist, darf sich dieser Wert auch in meinem Alltag wiederfinden.

Wenn ich mich als kreative Unternehmerin sehe, brauche ich Räume, in denen überhaupt neue Gedanken entstehen können.

Genau deshalb ist Selbstfürsorge für mich nicht einfach Wellness.

Sie ist Ausdruck meiner Identität.

Und plötzlich verändert sich die Frage.

Nicht mehr:

„Wie schaffe ich es noch, dreimal pro Woche Sport in meinen Kalender zu quetschen?“

Sondern:

„Wie würde die Frau, die ich sein möchte, heute mit sich selbst umgehen?“

Selbstfürsorge darf leicht sein

Vielleicht liegt genau hier ein weiteres Problem.

Wir machen sogar aus Selbstfürsorge ein Projekt.

45 Minuten Sport.
20 Minuten Meditation.
Gesundes Essen.
10.000 Schritte.
Journal schreiben.
Genug schlafen.
Fachbuch lesen.

Und plötzlich stresst uns die Selbstfürsorge genauso wie der Rest unseres Lebens.

Dabei kann sie viel kleiner anfangen.

Zehn Minuten spazieren gehen. Ein paar Übungen machen, die dem Rücken guttun. Das Handy für eine halbe Stunde weglegen. Ein paar Seiten lesen. Fünf Minuten die eigenen Gedanken sortieren. Gemeinsam etwas Gesundes kochen.

Man muss keinen Marathon laufen, damit Bewegung zählt.

Es geht nicht um Perfektion.

Es geht um die Richtung.

Selbstführung endet nicht bei mir

Und genau hier wird Selbstführung für mich noch größer.

Denn die Art, wie gut ich für mich selbst sorge, beeinflusst nicht nur meine eigene Gesundheit oder Leistungsfähigkeit.

Sie beeinflusst, wie ich anderen Menschen begegne.

Wenn ich dauerhaft angespannt bin, unter Zeitdruck stehe und das Gefühl habe, ständig etwas leisten zu müssen, nehme ich diese Haltung mit in meine Beziehungen.

Auch in meine Führung.

Wenn mein eigener Maßstab lautet: „Ich muss immer etwas tun“, kann es passieren, dass ich diesen Maßstab unbewusst auf meine Mitarbeiter*innen übertrage.

Dann sehe ich vielleicht jemanden kurz dasitzen und denke:

„Warum arbeitet der*die gerade nicht?“

Ich werde ungeduldiger. Reagiere schneller. Höre weniger gut zu. Bin vielleicht gereizter oder nervöser.

Und möglicherweise treffe ich sogar Entscheidungen anders, weil mir die innere Ruhe fehlt, eine Situation mit Abstand zu betrachten.

Das bedeutet nicht, dass wir immer entspannt und ausgeglichen sein müssen.

Aber wir sollten uns bewusst machen:

Unser innerer Zustand sitzt mit am Führungstisch.

Welche Führung möchte ich vorleben?

Wir sprechen viel über gesunde Führung, Mitarbeiter*innenbindung, Unternehmenskultur, Resilienz und mentale Gesundheit.

Aber was erleben Mitarbeiter*innen tatsächlich?

Eine Führungskraft, die permanent arbeitet?

Die immer erreichbar ist?

Die stolz erzählt, wie voll ihr Kalender ist?

Die selbst keine Pausen macht und gleichzeitig ihrem Team erklärt, wie wichtig Gesundheit und Selbstfürsorge sind?

Dann darf ich mich fragen:

Warum möchte ich eigentlich so gesehen werden?

Was verbinde ich mit Leistung?

Was möchte ich beweisen?

Und welches Bild von Führung vermittle ich damit?

Führung findet nicht nur in Mitarbeiter*innengesprächen statt.

Menschen erleben, wie wir sind.

Wie wir reagieren, wenn etwas schiefläuft.

Wie geduldig wir bleiben, wenn jemand mehr Zeit braucht.

Wie wir mit Fehlern umgehen.

Wie gut wir zuhören.

Wie klar wir Entscheidungen treffen.

Und ob wir einem Menschen wirklich begegnen oder gedanklich schon bei den nächsten fünf Aufgaben sind.

Gesunde Selbstführung bedeutet deshalb für mich nicht nur, selbst gesund zu bleiben.

Sie verändert die Qualität unserer Beziehungen.

Das gilt nicht nur im Unternehmen

Und vielleicht ist das sogar einer der wichtigsten Punkte.

Denn wir nehmen unseren inneren Zustand abends mit nach Hause.

Auch dort begegnen uns Menschen.

Unsere Kinder.

Unser*e Partner*in.

Unsere Familie.

Wenn meine eigenen Ressourcen permanent erschöpft sind, wird es schwieriger, meinem Kind ruhig zu begegnen, wenn es selbst gerade einen schwierigen Tag hatte.

Vielleicht braucht mein Kind in diesem Moment Gelassenheit – und bekommt meine Ungeduld.

Vielleicht braucht mein*e Partner*in Offenheit und Nähe – und bekommt meine Erschöpfung.

Vielleicht möchte ich eigentlich zuhören – bin gedanklich aber immer noch bei der Arbeit.

Deshalb gehört für mich zur Selbstführung auch die Frage:

Wie möchte ich den Menschen begegnen, die mir wichtig sind?

Möchte ich eine geduldige Mutter sein?

Eine liebevolle und zugewandte Partnerin?

Eine Führungskraft, die Klarheit und Ruhe ausstrahlt?

Ein Mensch, bei dem andere sich gesehen fühlen?

Dann brauche ich dafür eigene Ressourcen.

Nicht permanent und nicht perfekt.

Aber immer wieder.

Resilienz entsteht nicht erst dann, wenn das Leben schwierig wird. Wir stärken sie in unserem Alltag: durch Erholung, Bewegung, gute Beziehungen, Reflexion, Grenzen, Schlaf, Dinge, die uns Freude machen – und durch Zeiten, in denen unser System eben nicht permanent auf Leistung läuft.

Selbstfürsorge ist deshalb für mich auch Beziehungspflege.

Denn je besser ich mich selbst führen kann, desto bewusster kann ich anderen Menschen begegnen.

Ich habe keine Zeit – oder ich nehme sie mir nicht?

Mein Alltag ist voll.

Als Unternehmerin und Mutter trage ich Verantwortung für Mitarbeiter*innen, meine Unternehmen, meine Kinder, ein Haus und ziemlich viele Ideen und Projekte.

Und trotzdem versuche ich, jeden Tag Zeit für mich, meine Gesundheit und meine persönliche Entwicklung zu finden.

Nicht immer gleich viel. Nicht immer perfekt. Und natürlich gibt es Tage, an denen andere Dinge wichtiger sind.

Aber grundsätzlich weiß ich heute:

Wenn ich mich selbst dauerhaft hintenanstelle, zahle nicht nur ich irgendwann den Preis dafür.

Es wirkt sich auch darauf aus, wie ich führe, wie ich entscheide, wie ich meinen Kindern begegne und wie präsent ich in meinen Beziehungen sein kann.

Deshalb ist Selbstfürsorge für mich kein Luxus.

Sie ist die Basis.

Schau einmal ehrlich auf Deinen Tag

Vielleicht sagst Du gerade trotzdem:

„Anika, ich habe diese halbe Stunde wirklich nicht.“

Dann schau nicht zuerst darauf, wo Du noch etwas zusätzlich unterbringen kannst.

Schau darauf, was bereits da ist.

Wie viel Bildschirmzeit hast Du?

Wie oft greifst Du zwischendurch zum Handy?

Wie viel Zeit verbringst Du mit Nachrichten oder Social Media?

Welche Aufgaben könntest Du abgeben?

Wo sagst Du Ja, obwohl Du eigentlich Nein meinst?

Welche Dinge machst Du nur deshalb, weil Du sie schon immer so gemacht hast?

Und dann stell Dir zwei Fragen:

Passt die Art, wie ich meinen Alltag gerade lebe, zu dem Menschen, der ich sein möchte?

Und:

Wie erleben mich eigentlich die Menschen, die mir wichtig sind?

Selbstführung bedeutet nicht, noch mehr in einen ohnehin vollen Tag hineinzupressen.

Vielleicht bedeutet sie genau das Gegenteil:

Weniger. Bewusster. Klarer.

Was wäre, wenn Du heute mit 15 Minuten anfängst?

Nicht nächste Woche.

Nicht wenn dieses Projekt abgeschlossen ist.

Nicht wenn die Kinder größer sind.

Nicht wenn es im Unternehmen ruhiger wird.

Heute.

15 Minuten für etwas, das zu dem Menschen passt, der Du sein möchtest.

Vielleicht gehst Du spazieren.

Vielleicht bewegst Du Dich.

Vielleicht liest Du.

Vielleicht schreibst Du.

Vielleicht sitzt Du einfach einmal da und denkst nach.

Denn eine höhere Lebensqualität entsteht selten durch eine einzige große Entscheidung. Sie entsteht durch viele kleine Entscheidungen, die wir immer wieder bewusst treffen.

Genau das ist für mich Selbstführung.

Und sie beeinflusst unsere Gesundheit, unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Kreativität, unsere Ziele – und die Art, wie wir anderen Menschen begegnen.

Du bist das Fundament für alles, was Du gestalten möchtest.

Und vielleicht beginnt Selbstführung deshalb nicht mit der Frage:

„Woher nehme ich die Zeit?“

Sondern mit zwei anderen Fragen:

„Wer möchte ich sein?“

und

„Wie möchte ich anderen Menschen begegnen?“

Wenn Du merkst, dass Du genau an diesem Punkt festhängst, begleite ich Dich gerne dabei. In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam darauf, wo Du gerade stehst, welche Muster Dich immer wieder ausbremsen und wie Selbstführung so in Deinen Alltag integriert werden kann, dass sie wirklich zu Dir und Deinem Leben passt.

Anika Joswiak

Anika Joswiak

Ergotherapeutin, Unternehmerin, Mentorin und Mama. Seit über 15 Jahren Unternehmerin, heute Inhaberin von drei Praxen mit rund 30 Mitarbeiter*innen im Sauerland. Sie begleitet Unternehmerinnen, Führungskräfte und Praxisinhaber*innen im Gesundheitswesen dabei, klar zu führen und ihren eigenen Weg zu gehen.

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