
DEINE PRAXIS LÄUFT – ABER LÄUFT SIE AUCH OHNE DICH?
Meine Praxis läuft ohne mich.
Wenn ich diesen Satz so schreibe, merke ich selbst, dass er erst einmal etwas mit mir macht. Denn natürlich kommt sofort die Frage auf: Ist das eigentlich gut? Was sagt das über mich als Praxisinhaberin aus? Braucht es mich dann überhaupt noch?
Und dann denke ich: Doch. Eigentlich ist genau das ziemlich großartig.
Denn meine Aufgabe als Unternehmerin ist heute nicht mehr, überall gleichzeitig gebraucht zu werden. Meine Aufgabe ist es, ein Unternehmen mitzugestalten, das stabil ist, Qualität bietet, sich weiterentwickelt und nicht zusammenbricht, sobald ich einmal nicht da bin.
Ich kann heute an meiner Praxis arbeiten, statt ausschließlich in meiner Praxis. Ich kann mich für neue Projekte herausziehen, Dinge aus der Metaebene betrachten und strategische Entscheidungen treffen. Ich kann aber auch regenerieren, wenn es notwendig ist. Und ich kann Mutter sein, ohne permanent im Hinterkopf zu haben, dass währenddessen meine unternehmerische Existenz ins Wanken gerät.
Was für ein gutes Gefühl das ist, weiß ich heute sehr zu schätzen.
Das ist nicht von heute auf morgen entstanden
Ich kenne genügend Praxisinhaber*innen, bei denen das ganz anders aussieht.
Die würden gerne einfach mal zwei Behandlungen abgeben. Einen Nachmittag nicht erreichbar sein. Eine Woche Urlaub machen, ohne die Praxis schließen oder vorher drei Wochen durcharbeiten zu müssen.
Und über Krankheit wollen wir lieber gar nicht nachdenken.
Was passiert eigentlich, wenn Du als Praxisinhaber*in plötzlich zwei, drei oder sogar sechs Wochen ausfällst?
Läuft Deine Praxis weiter?
Oder bist Du gleichzeitig Therapeut*in, Ansprechpartner*in für alle Fragen, Problemlöser*in, Führungskraft, Qualitätsmanager*in, Organisator*in und die Person, bei der am Ende jede Entscheidung landet?
Wenn alles an Dir hängt, hast Du Dir möglicherweise einen Arbeitsplatz geschaffen. Aber noch kein Unternehmen, das Dich wirklich trägt.
Eine Praxis läuft nicht einfach deshalb ohne Dich, weil Du Aufgaben delegierst
Genau das ist für mich ein wichtiger Punkt.
Natürlich braucht es klare Verantwortungsbereiche. Wer darf was entscheiden? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wo müssen Informationen zusammenlaufen? Was darf das Team selbstständig lösen und wann braucht es die Praxisleitung?
Aber das allein reicht nicht.
Dass ich mich heute aus vielen Bereichen herausziehen kann, ist das Ergebnis einer Entwicklung über Jahre.
Wir haben immer wieder geklärt, wofür wir als Praxis stehen. Welche Werte uns wichtig sind. Welchen Anspruch wir an unsere Arbeit haben. Wie wir miteinander umgehen und welche Qualität unsere Patient*innen von uns erwarten dürfen.
Unsere Praxisphilosophie steht nicht irgendwo schön formuliert in einem Ordner. Sie muss im Alltag erkennbar sein.
Genauso unser Qualitätsmanagement. Prozesse müssen so klar sein, dass nicht jedes Mal jemand bei mir anrufen muss, um zu fragen, wie etwas funktioniert. Wissen muss im Unternehmen vorhanden sein und darf nicht ausschließlich im Kopf der Praxisinhaberin stecken.
Und Menschen brauchen Verantwortung.
Nicht nur auf dem Papier, sondern wirklich.
Das bedeutet für mich auch, als Inhaberin auszuhalten, dass andere Menschen Entscheidungen treffen. Dass sie Dinge vielleicht manchmal anders lösen, als ich sie gelöst hätte. Führung bedeutet dann nicht, wieder einzugreifen und alles selbst zu übernehmen, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem gute Entscheidungen möglich sind.
Und vor allem braucht es die richtigen Menschen
Denn bei allen Strukturen, Prozessen und Verantwortlichkeiten gibt es einen Punkt, den ich nicht kleinreden möchte:
Ich habe ein fantastisches Team.
Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die unsere Praxisphilosophie mittragen. Die Qualität nicht leben, weil ich danebenstehe und kontrolliere, sondern weil sie selbst diesen Anspruch haben.
Und genau deshalb bedeutet „Meine Praxis läuft ohne mich“ für mich nicht, dass ich überflüssig geworden bin.
Im Gegenteil.
Es bedeutet, dass wir gemeinsam etwas aufgebaut haben, das größer ist als eine einzelne Person.
Meine Rolle verändert sich dadurch. Ich muss nicht mehr überall operativ eingreifen. Ich kann führen, entwickeln, vorausdenken, Strukturen hinterfragen und neue Ideen aufbauen. Und ich kann mich auch einmal zurückziehen, ohne Angst davor haben zu müssen, dass alles zusammenfällt.
Für mich ist genau das unternehmerische Freiheit.
Nicht möglichst wenig zu arbeiten.
Sondern entscheiden zu können, wo meine Arbeit den größten Unterschied macht.
Und vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen, die Du Dir als Praxisinhaber*in stellen kannst, gar nicht:
„Wie schaffe ich noch mehr?“
Sondern:
„Was müsste sich in meiner Praxis verändern, damit sie auch dann gut läuft, wenn ich einmal nicht da bin?“
Denn eine Praxis, die Dich braucht, um sich weiterzuentwickeln, ist etwas anderes als eine Praxis, die Dich jeden Tag braucht, um überhaupt zu funktionieren.
