
„BEI DIR SIEHT DAS ALLES SO EINFACH AUS“
Über 20 Jahre Unternehmertum, bewusste Entscheidungen, Disziplin und die Erkenntnis, dass Erfolg mehr bedeutet als Leistung.
„Bei Dir sieht das alles so einfach aus.“
Diesen Satz höre ich immer wieder. Drei Praxisstandorte, ein großes Team, zwei Kinder, meine Tätigkeit als Mentorin, Sport, persönliche Weiterentwicklung und ein gut organisierter Alltag. Von außen betrachtet mag das tatsächlich manchmal leicht aussehen.
Was viele dabei nicht sehen, sind die Jahre dahinter. Die unzähligen Stunden Arbeit, die mutigen Entscheidungen, die Krisen, die bewussten Prioritäten und auch der Verzicht. Aber vor allem die kontinuierliche Bereitschaft, mich selbst und mein Leben weiterzuentwickeln.
Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, wird mir bewusst, dass vieles nicht zufällig entstanden ist. Es war das Ergebnis einer Vision, die ich schon sehr früh hatte, und vieler Entscheidungen, die ich im Laufe meines Lebens getroffen habe.
Eine Vision, die mit 19 Jahren begann
Ich war 19 Jahre alt, als ich für mich entschied, dass ich eines Tages selbstständig sein möchte. Ich wusste damals noch nicht, in welcher Branche oder wie mein Unternehmen aussehen würde. Aber ich hatte eine Vorstellung davon, wie ich mein Leben gestalten wollte.
Schon früh suchte ich den Kontakt zu Menschen, die selbstständig waren, las Bücher und beschäftigte mich mit der Frage, was es eigentlich braucht, um ein Unternehmen aufzubauen.
Mein erster beruflicher Weg führte mich in die Informatik. Ich absolvierte meine Ausbildung, arbeitete anschließend in der IT und verdiente gutes Geld. Eigentlich hätte ich zufrieden sein können. Ich hatte Sicherheit und gute berufliche Perspektiven.
Aber ich spürte, dass mein Herz nicht dafür schlug.
Ich wollte mit Menschen arbeiten, therapeutisch tätig sein und etwas bewegen. Also traf ich eine Entscheidung, die nicht unbedingt bequem war: Ich gab meinen gut bezahlten Beruf auf, verkaufte vieles und begann mit einer Ausbildung zur Ergotherapeutin noch einmal bei null.
Rückblickend war das eine meiner wichtigsten Entscheidungen. Denn ich habe damals gelernt, dass Sicherheit allein nicht ausreicht, wenn man das Gefühl hat, nicht auf dem eigenen Weg zu sein.
Ich absolvierte meine Ausbildung mit großer Begeisterung und einem sehr guten Abschluss. Meine ursprüngliche Vision, eines Tages selbstständig zu sein, hatte ich dabei nie aus den Augen verloren.
Die Jahre, die heute kaum jemand sieht
Mit Ende 20 bewarb ich mich ganz bewusst auf eine Stelle, bei der die Aussicht bestand, später die Praxis übernehmen zu können. Ich übernahm früh Führungsverantwortung und startete mit einem kleinen Team von vier bis fünf Mitarbeiter*innen.
In dieser Zeit behandelte ich teilweise 50 Patient*innen pro Woche. Nebenbei schrieb ich meinen Businessplan, beschäftigte mich mit wirtschaftlichen Fragen und eignete mir das Wissen an, das ich für die Selbstständigkeit brauchte.
Meine Tage waren vollständig organisiert. Unter der Woche arbeitete ich mit Patient*innen, am Wochenende standen Buchhaltung, Abrechnung, Organisation oder Seminare an. Sonntags wurde die Wohnung geputzt und alles Private erledigt.
Viel Raum für Spontaneität blieb nicht.
Ich habe in diesen Jahren unglaublich viel gearbeitet und auf manches verzichtet. Seit über 20 Jahren schaue ich beispielsweise kein Fernsehen mehr. Partys und regelmäßige Wochenendveranstaltungen waren selten Teil meines Lebens. Stattdessen habe ich gelesen, gelernt, Konzepte entwickelt oder nach intensiven Wochen bewusst Ruhe gesucht.
Für manche Menschen mag das nach einem großen Verzicht klingen. Für mich waren es vor allem bewusste Prioritäten.
Ich wollte etwas aufbauen, und ich wusste, dass meine Zeit und Energie begrenzt waren. Also musste ich entscheiden, wofür ich sie einsetzen möchte.
Nicht alles, was wir nicht tun, ist automatisch ein Verlust. Manchmal ist es einfach eine Entscheidung für etwas, das uns wichtiger ist.
Dabei geht es mir nicht darum, dass jede*r auf Freizeit, Fernsehen oder gesellschaftliche Aktivitäten verzichten sollte. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und Werte. Entscheidend ist für mich, ob unsere täglichen Entscheidungen zu dem Leben passen, das wir führen möchten.
Persönliche Entwicklung ist keine Phase, sondern eine Haltung
Ein großer Teil meines Weges besteht aus Lernen. Seit über 20 Jahren lese ich überwiegend Fachliteratur. Einen Roman nehme ich nur selten in die Hand. Mich beschäftigen Unternehmertum, Führung, Psychologie, Gesundheit und persönliche Entwicklung.
Ich nutze bis heute nahezu jede Gelegenheit, um dazuzulernen. Ob Online-Seminare, Fortbildungen, Workshops oder der Austausch mit Menschen, die andere Erfahrungen und Perspektiven mitbringen.
Das kostet Zeit und Geld. Aber dafür muss man auch brennen.
Ich liebe es, neue Zusammenhänge zu verstehen, meine bisherigen Überzeugungen zu hinterfragen und Erkenntnisse in meinem Alltag oder meinen Unternehmen umzusetzen.
Gerade als Führungskraft halte ich diese Bereitschaft für unglaublich wichtig. Denn ein Unternehmen kann sich nur dann nachhaltig weiterentwickeln, wenn auch die Menschen, die Verantwortung tragen, bereit sind, sich selbst weiterzuentwickeln.
Dazu gehört nicht nur neues Fachwissen. Es geht auch um Selbstreflexion, Kommunikation, den Umgang mit Unsicherheit und die Fähigkeit, eigene Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen.
Was Krisen mit unserer inneren Haltung zu tun haben
Mein unternehmerischer Weg war keineswegs frei von Krisen. Es gab Situationen, die mich enorm gefordert haben, teilweise sogar existenzbedrohend waren.
Momente, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen würde, aber trotzdem Entscheidungen treffen musste. In denen es wichtig war, einen kühlen Kopf zu bewahren und handlungsfähig zu bleiben.
Was mir dabei immer wieder geholfen hat, war die intensive Beschäftigung mit meiner eigenen inneren Haltung.
Ich habe mich selten lange mit der Frage aufgehalten, wer an einer Situation schuld ist. Viel wichtiger war für mich: Was kann ich jetzt verändern? Worauf habe ich Einfluss? Welche Möglichkeiten habe ich?
Natürlich gibt es äußere Umstände, die wir nicht kontrollieren können. Aber wir können lernen, unseren Blick bewusst auf die Handlungsmöglichkeiten zu richten, die uns bleiben.
Und manchmal war es genau dieser Gedanke, der mich wieder aufgerichtet hat:
Jetzt erst recht. Ich finde einen Weg.
Diese Haltung bedeutet nicht, dass ich keine Ängste, Zweifel oder Momente der Überforderung kenne. Aber ich habe über viele Jahre gelernt, mich davon nicht dauerhaft bestimmen zu lassen.
Gerade für Unternehmer*innen und Führungskräfte ist das aus meiner Sicht eine wichtige Fähigkeit. Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, für alles verantwortlich zu sein. Es bedeutet, auch unter schwierigen Bedingungen bewusst zu entscheiden, wie wir handeln möchten.
Als Mutter musste ich mein Leben neu gestalten
Mit der Geburt meiner Kinder veränderten sich meine Prioritäten noch einmal grundlegend.
Ich wollte weiterhin Unternehmerin sein, aber gleichzeitig meine Kinder bewusst begleiten. Gemeinsame Mahlzeiten, Spielen, Hausaufgaben, Gespräche und unsere Abendrituale waren und sind mir wichtig.
Also musste ich meinen Alltag und mein Unternehmen erneut organisieren.
Ich nutzte Betreuungszeiten und Schlafphasen konsequent zum Arbeiten, stellte weitere Mitarbeitende ein, gab Aufgaben ab und reduzierte meine eigenen Behandlungen. Das waren nicht nur organisatorische, sondern auch wirtschaftliche Entscheidungen, die gut durchdacht sein mussten.
Wenn meine Kinder betreut waren, arbeitete ich konzentriert. Wenn sie zu Hause waren, wollte ich möglichst präsent sein.
Seit zwölf Jahren gehört das gemeinsame Vorlesen am Abend zu unserem Familienleben. Ein Ritual, das mir bis heute viel bedeutet.
Natürlich funktionierte nicht immer alles reibungslos. Aber ich habe immer wieder nach Lösungen gesucht, um mein Unternehmen so zu gestalten, dass es auch zu unserem Familienleben passt.
Gerade Frauen stehen häufig vor der Frage, wie sich berufliche Ambitionen, Familie und eigene Bedürfnisse miteinander vereinbaren lassen. Ich glaube nicht, dass es dafür eine allgemeingültige Lösung gibt.
Aber ich glaube daran, dass wir viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, wenn wir bereit sind, bestehende Strukturen zu hinterfragen, Unterstützung anzunehmen und neue Wege zu entwickeln.
Nicht alles muss so bleiben, wie es einmal organisiert wurde.
Wenn die eigene Leistungsbereitschaft zur Herausforderung wird
Bei aller Disziplin und Begeisterung gab es auf meinem Weg auch eine Kehrseite. Ich habe über viele Jahre meine eigene Regeneration vernachlässigt.
Ich konnte viel leisten, war belastbar und gut organisiert. Aber irgendwann merkte ich, dass meine Gesundheit zu kurz kam.
Also begann ich, erneut Dinge zu verändern. Ich organisierte weitere Entlastung, entwickelte Strukturen weiter und schuf mir bewusst Zeit für Bewegung, gesunde Ernährung und Regeneration.
Und trotzdem begleitet mich mein eigener Leistungsanspruch bis heute.
Ich bin noch immer sehr leistungsgetrieben. Ich habe Freude daran, Dinge zu entwickeln, Ziele zu erreichen und neue Ideen umzusetzen. Diese Eigenschaft hat mich über viele Jahre vorangebracht, aber ich weiß inzwischen auch, dass sie mich an meine Grenzen bringen kann.
Ich muss weiterhin lernen, Ruhe zuzulassen, meine Grenzen zu respektieren und nicht jede freie Stunde mit einer neuen Aufgabe zu füllen.
Das fällt mir nicht immer leicht.
Aber genau darin liegt für mich heute ein wichtiger Teil meiner persönlichen Entwicklung: zu erkennen, dass ich nicht ständig etwas leisten muss, um zufrieden sein zu dürfen.
Heute bedeutet Struktur für mich Freiheit
Ich stehe auch heute noch häufig um halb fünf morgens auf und gehe spätestens um 22 Uhr ins Bett. Mein Alltag ist weiterhin von Disziplin, Routinen und klaren Strukturen geprägt.
Der Unterschied zu früher liegt in meinen Prioritäten.
Heute kann ich meinen Tag zu großen Teilen selbst gestalten. Ich habe Zeit für meine Kinder, für Sport, persönliche Entwicklung und Menschen, die mir wichtig sind. Gleichzeitig begleite ich meine Unternehmen strategisch und arbeite als Mentorin mit Menschen, die sich persönlich oder unternehmerisch weiterentwickeln möchten.
Diese Möglichkeiten sind nicht von heute auf morgen entstanden. Sie sind das Ergebnis vieler Jahre, in denen ich Verantwortung übernommen, Strukturen aufgebaut, Aufgaben abgegeben und immer wieder neue Entscheidungen getroffen habe.
Ich weiß aber auch, dass nicht jede Phase so intensiv hätte sein müssen. Mit meiner heutigen Erfahrung würde ich manche Aufgaben früher delegieren und meiner Gesundheit schneller mehr Aufmerksamkeit schenken.
Denn Erfolg bedeutet für mich inzwischen nicht mehr, möglichst viel leisten zu können.
Erfolg bedeutet, mein Leben nach meinen Werten gestalten zu können.
Was wir von außen sehen, ist selten die ganze Geschichte
Wenn heute jemand zu mir sagt, dass bei mir alles so einfach aussieht, kann ich das verstehen.
Man sieht drei Praxisstandorte, aber nicht die Wochenenden mit Buchhaltung und Abrechnung. Man sieht ein funktionierendes Team, aber nicht die Jahre, in denen ich lernen musste, Verantwortung abzugeben. Man sieht die Zeit mit meinen Kindern, aber nicht die vielen Entscheidungen, die nötig waren, um diese Zeit zu ermöglichen.
Und man sieht die heutige Freiheit, aber nicht unbedingt den Weg dorthin.
Ich bin stolz auf das, was ich aufgebaut habe. Nicht, weil immer alles gelungen ist, sondern weil ich bereit war, zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und meinen Weg immer wieder anzupassen.
Vielleicht ist das auch der Gedanke, den ich anderen Menschen mitgeben möchte, die gerade am Anfang ihrer Selbstständigkeit stehen, Führungsverantwortung übernehmen oder sich beruflich und persönlich verändern möchten:
Ihr müsst nicht von Anfang an wissen, wie alles funktionieren wird. Aber es lohnt sich, eine eigene Vorstellung davon zu entwickeln, wie Ihr leben und arbeiten möchtet, und Eure Entscheidungen bewusst daran auszurichten.
Es braucht Mut, Geduld, die Bereitschaft zu lernen und manchmal auch den Verzicht auf kurzfristige Bequemlichkeit. Genauso wichtig ist es aber, die eigenen Grenzen zu erkennen und Unterstützung anzunehmen.
Denn das Ziel sollte nicht sein, ein Leben lang immer mehr zu leisten.
Vielleicht sieht manches heute einfach aus, weil ich über viele Jahre daran gearbeitet habe, dass es einfacher werden darf.
Und heute lerne ich, diese Freiheit nicht immer wieder mit neuer Leistung füllen zu müssen, sondern sie auch wirklich zu genießen.
